Die sterbenden Herzen der Innenstädte: Was die Insolvenz von Galeria Karstadt Kaufhof über die Vergangenheit und die Zukunft von Warenhäusern verrät Mehr als vierzig Filialen und Tausenden Mitarbeitern droht durch die neuerliche Pleite der Warenhauskette das Aus. Doch die Pandemie und der Ukraine-Krieg verschärfen nur die Probleme einer Branche, die sich seit Jahrzehnten unaufhaltsam im Niedergang befindet.

Mehr als vierzig Filialen und Tausenden Mitarbeitern droht durch die neuerliche Pleite der Warenhauskette das Aus. Doch die Pandemie und der Ukraine-Krieg verschärfen nur die Probleme einer Branche, die sich seit Jahrzehnten unaufhaltsam im Niedergang befindet.

 

Galeria lautet die einheitliche Marke, unter der die Kaufhäuser von Kaufhof und Karstadt aufgemöbelt werden. Viele Kunden lassen sich jedoch vom neuen Glanz nicht verleiten, sondern schenken ihm kaum Beachtung. Bild: PD

«Das Herz der Innenstadt», so sieht sich Galeria Karstadt Kaufhof selbst. Zumindest gemessen an der oft guten Lage der Häuser stimmt das auch. Doch das Herz schlägt seit vielen Jahren sehr schwach. Den blutleeren, sprich kundenarmen Warenhäusern fehlt das Alleinstellungsmerkmal. Deshalb suchen Kunden die einstigen Konsumtempel immer seltener auf. Entsprechend hat die Galeria Karstadt Kaufhof GmbH am Montagabend mitgeteilt, zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Jahren ein Schutzschirmverfahren einzuleiten, also ein Insolvenzverfahren in Eigenregie, aber unter Aufsicht eines externen Sachwalters.

Hertie, Horten und Kaufhalle sind verschwunden

Bereits im April 2020 hatte das Unternehmen ein Schutzschirmverfahren beantragt, weil durch den Ausbruch der Corona-Pandemie die Filialen zwangsweise geschlossen bleiben mussten. Das neuerliche Insolvenzverfahren nur zweieinhalb Jahre später schiebt das Management nun auf den Ukraine-Krieg sowie auf die daraus resultierende Explosion der Energiepreise, die hohe Inflation und die rekordschlechte Konsumentenstimmung. Das geht aus einem Interview des Unternehmenschefs Miguel Müllenbach mit der «FAZ» hervor.

Die Argumente mögen für die vergangenen Wochen richtig sein, doch im Frühjahr und Sommer waren die Innenstädte nach dem Ende der Corona-Massnahmen voll, und die Einzelhandelsumsätze zogen zum Teil erheblich an. Die während der Pandemie aufgestauten Konsumwünsche wurden zumindest teilweise nachgeholt.

Mit der Insolvenz setzt sich daher wohl vor allem der seit Jahrzehnten stattfindende Niedergang des Geschäftsmodells Kaufhaus fort. Viele Unternehmen oder Marken wie Hertie, Horten und Kaufhalle sind längst vergangen. Auch die Namen Kaufhof und Karstadt verschwinden langsam, denn die Warenhäuser firmieren immer stärker unter der einheitlichen Marke Galeria. Der Niedergang der Kaufhäuser hat vor allem einen Grund: das Internet.

«Warum sollen die Kunden noch in ein Warenhaus gehen?», fragt Martin Fassnacht. Aus der Sicht des Professors für Strategie und Marketing an der WHU Otto Beisheim School of Management gibt es für die Kaufhäuser sowohl im stationären Geschäft als auch im Online-Handel in jedem Sortiment starke Wettbewerber. Die Kaufhäuser hätten aufgrund der hohen Investitionsnotwendigkeiten einst viel zu spät auf die Konkurrenz aus dem Internet reagiert.

Fusion von Kaufhof und Karstadt

Doch für den Erfolg in der heutigen Zeit wäre das nur eine notwendige Bedingung gewesen, nicht zwangsläufig eine hinreichende, sagt Fassnacht im Gespräch. Es sei nämlich eine offene Frage, ob die Kaufhäuser auch mit einem früher und schneller ausgebauten Online-Geschäft mit Giganten wie Amazon oder spezialisierten Firmen wie Zalando hätten mithalten können.

Der Online-Handel mit seinen unzähligen Möglichkeiten für die Konsumenten mag der Hauptgrund für das Siechtum der Kaufhäuser sein. Doch es gibt weitere Faktoren. Die Konkurrenz durch spezialisierte Anbieter nicht nur im Internet, sondern auch im stationären Handel in den verschiedensten Sortimenten hat in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Grossen Zulauf haben etwa Billigmarken wie Primark, was wohl auch mit dem gesellschaftlichen Wandel zusammenhängen dürfte.

Hinzu kommen, ebenfalls seit Jahrzehnten, die grossen Einkaufszentren an den Rändern der Städte mit den weiträumigen Parkmöglichkeiten. Diese ersparen den Kunden vom Land die Fahrt in die Städte, die Besucher mit dem Auto ohnehin oft gezielt vergraulen. Zumindest ein Teil der Kundschaft schleppt die vollen Einkaufstaschen eben lieber nur zum eigenen Wagen als erst zur S-Bahn und dann nach Hause.

Im September 2018 hatten die Besitzer von Galeria Kaufhof und von Karstadt, die kanadische Hudson’s Bay Company und der österreichische Investor René Benko mit seiner Signa Holding, die Fusion der beiden Unternehmen angekündigt. Jahre zuvor waren auch die früheren Besitzer Arcandor und Metro immer wieder an einer nachhaltigen Sanierung der Kaufhäuser gescheitert. Vom «Zusammenschluss unter Gleichen» versprachen sich die Eigner sinkende Kosten im Einkauf, in der Verwaltung, der Logistik und bei der Datenverarbeitung.

Konzern mit 131 Häusern in rund hundert Städten

Wenig später kam dann die Pandemie. Das im April 2020 deshalb eingeleitete Schutzschirmverfahren wurde im Herbst desselben Jahres unter anderem mit dem Verzicht der Gläubiger auf mehr als 2 Milliarden Euro und dem Abbau von mehr als vierzig Häusern und Tausenden Arbeitsplätzen abgeschlossen. Im Januar 2021 erhielt das Unternehmen dann aufgrund anhaltender existenzieller Nöte 460 Millionen Euro vom Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) sowie im Januar 2022 nochmals 220 Millionen Euro.

Diese Gelder unterliegen nun der Insolvenzordnung und dürften für den Steuerzahler zumindest teilweise verloren sein. Kurz vor der Einleitung des neuerlichen Schutzschirmverfahrens wurde sogar über eine dritte Finanzspritze durch den WSF verhandelt. Doch zumindest diesmal warf der Staat dem schlechten Geld kein gutes hinterher.

Derzeit hat Galeria Karstadt Kaufhof noch 131 Warenhäuser in rund hundert Städten und beschäftigt 17 000 Mitarbeiter. Laut dem Unternehmenschef Müllenbach müssen «mindestens ein Drittel» der Häuser geschlossen werden; das «Handelsblatt» berichtet aus Kreisen des Aufsichtsrates, der Erhalt der Hälfte aller Häuser sei schon ein Erfolg. Demnach stehen zwischen 43 und 65 Warenhäuser vor der Schliessung – mit den entsprechenden Folgen für die Mitarbeiter. Doch im engen deutschen Arbeitsmarkt sollte es genug freie Stellen für die Angestellten geben.

Mehrere Kaufhäuser hat das Unternehmen vor allem noch in Berlin (10), Hamburg und München (jeweils 5) sowie Nürnberg und Köln (jeweils 3). In den meisten Städten ist das Unternehmen nur noch mit einer Filiale vertreten; Doppelspurigkeiten aus den Zeiten der Eigenständigkeit von Kaufhof und Karstadt wurden meist beseitigt.

Vorzeigeprojekte in Frankfurt, Kassel und Kleve

Im Kern fehlt dem Unternehmen das Geld für die schnelle Modernisierung einer kritischen Masse an Kaufhäusern. Unter der Marke Galeria werden derzeit Warenhäuser in drei Kategorien umgebaut, dazu gibt es mit Frankfurt am Main («Filiale mit Weltstadtflair»), Kassel («Regionaler Magnet») und Kleve («Lokales Forum») jeweils ein Vorzeigeprojekt. Die Neugestaltung von rund zehn Häusern ist abgeschlossen.

Doch in dem Ende September zu Ende gegangenen Geschäftsjahr soll ein Fehlbetrag im niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbereich angefallen sein. Im vorherigen Jahr betrug der Fehlbetrag 623 Millionen Euro. Warenhäuser gleichen seit langem einem Fass ohne Boden.

Martin Fassnacht von der Otto Beisheim School of Management trifft eine vernichtende Einschätzung: «Es ist vorbei – ich sehe keine positive Fortführungsprognose für das Geschäftsmodell Warenhaus.» Spätestens in wenigen Jahren stehe das Unternehmen wohl erneut vor der Insolvenz. Trifft die Prognose zu, könnten die alten Herzen der Innenstadt bald endgültig aufhören zu schlagen.

Michael Rasch, Frankfurt, «Neue Zürcher Zeitung»

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