Lichterlöschen in der Schweiz? Wie die KMU-Wirtschaft auf die Turbulenzen am Energiemarkt reagieren kann, erklärt Alessandro Bee, Senior Economist von UBS, im Interview zur neuesten Ausgabe von «UBS Outlook Schweiz».

Wie die KMU-Wirtschaft auf die Turbulenzen am Energiemarkt reagieren kann, erklärt Alessandro Bee, Senior Economist von UBS, im Interview zur neuesten Ausgabe von «UBS Outlook Schweiz».

Bild: Robert Hrovat auf Pixabay

Die Energiepreise in Europa steigen, die Versorgungslage droht prekär zu werden: Wie stark ist die Schweizer Wirtschaft den Turbulenzen im Energiemarkt ausgesetzt?
Alessandro Bee: Der hiesige Energiesektor ist im Vergleich zu anderen Ländern eher klein. Er macht 3 Prozent des Produzentenpreisindex aus, in der EU sind es 12 Prozent. Insofern ist die Schweiz resilienter als die Nachbarn, was einen Energieschock betrifft. Der Anstieg der Preise ist aber so stark, dass er auch ein Risiko für Schweizer Unternehmen darstellt. Der Erdölpreis hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt, der Gaspreis am Spotmarkt verzehnfacht. Das drückt auf die Gewinne.

Wie ernst ist die Lage?
Eine mögliche Energiemangellage ist für die konjunkturelle Entwicklung noch gravierender als Preissteigerungen. Kurzfristig könnte es eine Knappheit beim Gas geben – und möglicherweise beim Strom. Mittelfristig steht der Strom im Fokus. Für die meisten Unternehmen ist eine solche Situation neu. Sie haben zwar gelernt, mit Preisschwankungen umzugehen, aber nicht mit einem Energiemangel. Das macht es herausfordernd.

UBS Outlook Schweiz Juli 2022

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Wie würde ein Gaslieferstopp seitens Russlands die Schweizer Wirtschaft treffen?
Gasintensive Branchen wie Metall, Glas, Papier und teilweise auch die Chemie sind exponiert. Sie machen im Firmensektor fast die Hälfte des Gasverbrauchs aus, tragen aber nur relativ wenig zur Bruttowertschöpfung bei. Unternehmen mit hohem Gasverbrauch sollten sich mit einem Mangelszenario auseinandersetzen, mit Anbietern und Behörden besprechen, wie Risikoszenarien aussehen könnten, oder klären, ob sie auf andere Energieträger wechseln können.

Worauf sollen Unternehmen bezüglich ihres Energieverbrauchs künftig achten?
Langfristig muss Energiesicherheit Teil der Cybersecurity werden – und zwar auf alle Arbeitsbereiche heruntergebrochen. Firmen müssen etwa gewährleisten, dass digitale Arbeitsinstrumente nicht nur sicher sind, sondern auch ohne Unterbruch benutzt werden können. Stichwort Cybersecurity. Dies ist nicht immer einfach, wenn man bedenkt, dass solche Massnahmen ebenso für das Homeoffice gelten sollen. Daneben rückt die Energieeffizienz in den Fokus. Und auch die Standortwahl gewinnt an Bedeutung, sich eben dort anzusiedeln, wo die Energiewende vorangetrieben wird, ohne die Energiesicherheit zu gefährden. Eine Strommangellage kann für Unternehmen und den Standort Schweiz zu einem Wettbewerbsnachteil werden.

Welche Rahmenbedingungen sollte die Schweiz bieten, um ein attraktiver Standort zu bleiben?
Die Voraussetzungen in der Schweiz sind gut. Mit der Wasserkraft verfügt sie über einen erneuerbaren Energieträger mit Speichermöglichkeiten. Kurzfristig ist wichtig, dass die Kompetenzen zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden in Energiefragen klar geregelt sind, um in einer kritischen Situation rasche Entscheide zu gewährleisten. Mittelfristig ist in der Schweizer Energiepolitik eine klare Priorisierung der Ziele notwendig, ebenso wie eine enge Kooperation mit der EU – trotz der Ablehnung des Rahmenabkommens. Langfristig wird es eine grosse Herausforderung sein, neue Kapazitäten bereitzustellen. Das kann aber Jahrzehnte dauern, wenn langsame administrative Verfahren und Einsprachen den Bau verzögern. Hier gilt es diese Prozesse zu beschleunigen.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) reagiert mit der Straffung der Geldpolitik auf das steigende Preisniveau. Ist der erstarkte Franken ein Problem für hiesige KMU?
Bisher nicht. Die Produzentenpreise in den USA und der EU sind um ein Vielfaches stärker gestiegen als in der Schweiz, die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen ist trotz der Aufwertung intakt – auch wenn einzelne Firmen oder Branchen unter dem stärkeren Franken leiden werden. Die Inflationsdifferenzen haben die Währungsmärkte durcheinandergewirbelt. Der Euro wird heute zu dessen fairen Wert gehandelt. Der US-Dollar hat gar weiteres Abwertungspotenzial. Sein fairer Wert liegt unserer Ansicht nach bei 0,75 Franken. Unternehmen sollten dies bei längerfristigen Investitionsvorhaben im Auge behalten.

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Wird die Nationalbank die Leitzinsen weiter erhöhen?
Wir sehen weitere Zinsschritte der SNB in der zweiten Jahreshälfte und Anfang nächsten Jahres. Zudem erwarten wir, dass der Leitzins im Frühling bei 0,75 Prozent liegen wird.

Ist die Inflation in den Griff zu bekommen – oder wird sie auf längere Frist bleiben?
Die aggressiven Zinsschritte sollten Wirkung zeigen, die zu erwartende Inflation dürfte sich wieder unter 2 Prozent stabilisieren. Ein Risiko ist jedoch, dass es zu einem Zweitrundeneffekt kommt. Wenn es aufgrund der hohen Energiepreise starke Lohnrunden gibt, ist ein Zweitrundeneffekt bei der Teuerung nicht auszuschliessen. Dann könnte die Inflation längerfristig über der 2-Prozent-Marke bleiben.

Lesen Sie hier die Analyse von UBS zum Energiemarkt.

Alessandro Bee, Senior Economist von UBS. Bild: PD

Dieser Artikel wurde von NZZ Content Creation im Auftrag von UBS Schweiz produziert.

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