Wer Ferien in der Schweiz macht, zahlt drauf: Wo man als Tourist am meisten für den Franken bekommt Die perfekte Reise zu buchen, ist komplex. Der Preis spielt eine Rolle. Wichtig ist den Touristen aber anderes.

Die perfekte Reise zu buchen, ist komplex. Der Preis spielt eine Rolle. Wichtig ist den Touristen aber anderes.

(Bild: Solen Feyissa)

An der portugiesischen Algarve, in der Stockholmer Gamla Stan und sogar am New Yorker Times Square. Überall ist es günstiger als hier. Was Schweizerinnen und Schweizer insgeheim schon lange ahnten, ist nun amtlich bestätigt. Das deutsche Statistikamt hat für diesen Sommer die währungsbereinigten Kosten für Hotels und Restaurants berechnet. Das Resultat ist bekannt, die Deutlichkeit überrascht aber doch.

Nur in Island ist das Preisniveau fast gleich hoch wie in der Schweiz. Danach wird’s schnell günstiger. Bereits bei den unmittelbaren Nachbarn – Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich – ist Ferien machen rund ein Drittel preiswerter als hierzulande. In der Türkei schlagen Kost und Logis mit 60 Prozent weniger zu Buche. In keinem grossen europäischen Reiseland bekommt man mehr pro Franken.

Schweizer Touristen haben gleich zwei Trümpfe in der Hand. Zum einen die im internationalen Vergleich hohe Kaufkraft. Und zum anderen den nach wie vor günstigen Wechselkurs aufgrund des starken Frankens, insbesondere zum Euro. Und dies trotz der teilweise starken Inflation, welche viele europäische Nachbarn heimgesucht hat.

Besonders Kulinarik-Liebhaber können das gnadenlos ausspielen. Auswärts essen ist in der Schweiz im Vergleich enorm teuer. Gemäss dem Statistikportal Numbeo kostet ein anständiger Dreigänger für zwei Personen bereits in Frankreich, Italien oder Deutschland nur gerade halb so viel wie in einem vergleichbaren hiesigen Restaurant.

Sicher: In jedem dieser Länder gibt es auch Luxushotels und Sternerestaurants, deren Tarife jedes vernünftige Ferienbudget sprengen. Wer in Mailand einen Cappuccino mit Blick auf den Duomo trinken möchte, zahlt dafür möglicherweise mehr, als wenn er dies in Solothurn vor der St.-Ursen-Kathedrale tut.

Und seit dynamische Preise die Tourismusindustrie durchdrungen haben, kostet in der Hochsaison manchmal auch ein einfaches Zimmer ein Vermögen, wenn man es zu spät bucht. Aber in der Gesamtheit lassen die Zahlen nur einen Schluss zu: Wer im Ausland in die Ferien geht, hat mehr davon. Wer in der Schweiz bleibt, zahlt drauf.

Ägypten, Tunesien, Türkei

Was also empfehlen die Reisebüros den Budgetbewussten? «Destinationen wie Ägypten, Tunesien und die Südtürkei auf der Mittelstrecke oder die Dominikanische Republik und Thailand auf der Fernstrecke gelten unter den Badeferiendestinationen als solche mit einem besonders attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis», schreibt Kuoni.

TUI empfiehlt zudem, auf die Jahreszeit zu achten. «Auch auf den Balearen, in Griechenland oder Zypern kann man je nach Hotelauswahl und Reisezeitraum attraktive Preise finden.»

Aber was wollen die Touristen eigentlich? Sind nicht die Ferien die Zeit des Jahres, in der man einmal nicht aufs Geld schauen möchte? Wie wichtig ist der Preis beim Ferienplanen überhaupt? «Die Reisemotive sind immer die gleichen: Am wichtigsten ist die Erholung vom Arbeitsalltag, dann folgen Aktivität, Naturerlebnis und Kultur», sagt Jürg Stettler, Professor für Tourismus und Mobilität an der Hochschule Luzern.

Die erste Frage lautet also nicht: Wo kostet es am wenigsten? Sondern: Was will ich von meiner freien Zeit? Badeferien sind insbesondere im Sommer die am meisten nachgefragte Art des Erholens. Und wer ans Meer will, muss die Schweiz sowieso verlassen. «Sie vergleichen dann vielleicht Angebote von den Malediven, Ägypten und der Türkei. Dann kommt der Preis ins Spiel», sagt Stettler.

Entscheidend sind auch Reisemuster. Sie sind schwer zu durchbrechen. Wer im Sommer immer schon in den Süden gefahren ist, wird sich nicht so leicht davon abbringen lassen. Selbst jetzt, wo es wegen verbreiteter Hitzewellen einen leichten Trend zur Verschiebung der Sommerferien in den Herbst gibt.

Apropos Mittelmeer: Die Region wird immer ein attraktives Ziel sein. Denn die Infrastruktur ist für den Massentourismus gebaut. Es gibt Abertausende Hotelbetten, Restaurants und zahlreiche gut erschlossene Flughäfen. Diese wollen ausgelastet werden. So ist es auch in diesem Sommer wieder möglich, Last-Minute-Schnäppchen zu machen.

Frankreich schlägt alle

Es tönt paradox, aber vielen Touristen ist etwas anderes wichtiger: Nähe und Vertrautheit. Auch wenn man in den Ferien Abenteuer in fremden Ländern erleben kann, zieht es die meisten an die altbekannten Orte: Italien, Deutschland und Frankreich. 40 Prozent der Reisen unternehmen Schweizerinnen und Schweizer zudem im eigenen Land.

Ein Indikator dafür, dass es den Reisenden nicht in erster Linie um den Preis geht. Oder etwa doch? «Wer in der Schweiz Ferien macht, greift in der Regel auf günstige Angebote zurück. Man übernachtet entweder in einem Ferienhäuschen, mietet eines von Freunden oder nutzt sonstige Parahotellerieangebote wie Jugendherbergen», sagt Christian Laesser, Tourismusprofessor an der Uni St. Gallen (HSG).

Was also gibt am Ende den Ausschlag für die Entscheidung, wo man hinfährt? «Die Attraktivität einer Destination. Es ist derselbe Grund, weshalb Touristen auch bei schlechtem Wetter aufs Jungfraujoch fahren: Man will einfach mal oben gewesen sein», sagt Laesser.
 

Dafür spricht eine andere Zahl: 80 Millionen Touristen. So viele bereisen jedes Jahr unser Nachbarland Frankreich. Es ist das am meisten besuchte Land der Welt. Denn es bietet einfach alles, was Touristen suchen. Weltweit bekannte Sehenswürdigkeiten wie den Eiffelturm in der Metropole Paris genauso wie verschlafene, malerische Dörfchen in der Provence. Kilometerlange Sandstrände, aber auch verschneite Berge. Und natürlich alles kombiniert mit dem unvergleichlichen Savoir-vivre.

Seitdem die Corona-Pandemie vorüber ist, zeigt sich zudem: Die Menschen sind bereit, auf vieles zu verzichten, aber nicht auf schöne Ferien. Die Reisebudgets sind grösser geworden. Die teils happigen Preiserhöhungen an beliebten Destinationen wie Mallorca werden geschluckt.

Ökonomen sprechen von einer unelastischen Nachfrage: Obwohl alles teurer geworden ist, sind Touristen nicht bereit zu verzichten. «Reisende geben durchschnittlich 10 bis 20 Prozent mehr Geld für ihre Ferien aus als vor der Pandemie. Beispielsweise um sich eine höhere Hotelkategorie oder einen längeren Ferienaufenthalt zu gönnen», schreibt zum Beispiel das Reisebüro TUI Schweiz.

Wir lernen daraus: Ferien buchen ist komplex. Der Preis spielt eine Rolle, aber er ist nur einer von vielen Faktoren. Sicher aber ist: Schweizerinnen und Schweizer gehen immer ein bisschen unbeschwerter in die Ferien. Denn ihr Portemonnaie ist dicker als das der anderen Touristen. Zumindest dann, wenn sie die Ferien woanders verbringen als daheim.

Moritz Kaufmann, «Neue Zürcher Zeitung»

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