Die Energiekrise erreicht Schweizer Industriefirmen: Schweiter plant Stellenabbau und setzt auf Kurzarbeit Die hohen Energiepreise verunsichern europäische Konsumenten. Weil weniger eingekauft wird, sparen Detailhändler bei der Werbung. Dies bekommt der Steinhausener Konzern Schweiter Technologies schmerzhaft zu spüren.

Die hohen Energiepreise verunsichern europäische Konsumenten. Weil weniger eingekauft wird, sparen Detailhändler bei der Werbung. Dies bekommt der Steinhausener Konzern Schweiter Technologies schmerzhaft zu spüren.

 

Das Geschäft mit Plattenmaterialien für Werbeflächen ist bei Schweiter eingebrochen. Bild: unsplash

Die hohen Energiepreise sorgen in Europa seit Wochen für Nervosität. Noch haben aber zumindest in der Schweiz kaum Unternehmen eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Am vergangenen Freitag sah sich nach Börsenschluss mit Schweiter Technologies gleichwohl eine erste bedeutende Schweizer Industriefirma gezwungen, über eine deutliche Verschlechterung ihres Geschäftsgangs zu berichten.

Verzicht auf Werbetafeln

Die Medienmitteilung dazu trug den euphemistischen Titel «Schweiter Technologies rüstet sich für die Zukunft». Erfahrungsgemäss lenken Firmen mit solchen Formulierungen nicht selten von Schwierigkeiten ab.

Bei Schweiter liegt das Problem darin, dass das für den Konzern gewichtige Geschäft mit Plattenmaterialien für Werbeflächen in den vergangenen Wochen eingebrochen ist. Das Steinhausener Unternehmen fertigt solche Platten, die oft in Einkaufszentren und Supermärkten aufgestellt werden, aus Verbundwerkstoffen. Es gehört in diesem Bereich zu den führenden Anbietern weltweit.

Distributoren reduzieren Lagerbestände

Vom letztjährigen Konzernumsatz, der gut 1,2 Milliarden Franken erreichte, stammten rund 50 Prozent aus dem sogenannten Display-Geschäft. Davon wurden laut dem Finanzchef Martin Klöti «gegen zwei Drittel in Europa» erwirtschaftet. Die Stimmung europäischer Konsumenten habe sich unter anderem wegen der explodierenden Energiepreise jüngst rapide verschlechtert, sagt der Manager. Davon seien zahlreiche konsumnahe Wirtschaftsbereiche betroffen, wozu auch die Werbung in Einkaufsläden und an anderen Standorten zähle.

Dazu gesellt sich, dass Distributoren, welche die Werbetafeln traditionell von Schweiter beziehen und an Detailhandelsunternehmen weitervertreiben, mit dem Abbau von Lagerbeständen begonnen haben. Sie spekulieren offenbar darauf, dass Rohmaterialpreise nach einer langen Phase der Verteuerung wieder sinken werden. Die Distributoren erwarten, sich anschliessend günstiger mit neuer Ware eindecken zu können.

«Viele treten auf die Bremse»

Weil, wie Klöti es formuliert, zurzeit «viele auf die Bremse treten», ist Schweiter mit einem stark gestiegenen Wettbewerbsdruck konfrontiert. Das Unternehmen rechnet denn auch damit, mit den diesjährigen Geschäftszahlen das Niveau des Vorjahrs zu verfehlen.

So soll der Konzernumsatz «etwas tiefer» als 2021 ausfallen. Beim Gewinn vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisationen (Ebitda), der im vergangenen Jahr noch 111 Millionen Franken betrug, erwartet das Management einen Einbruch auf 80 bis 90 Millionen Franken. So wenig hatte der Konzern auf dieser Stufe letztmals 2015 verdient. Der damalige Umsatz beschränkte sich indes auf rund 900 Millionen Franken beziehungsweise rund drei Viertel des letztjährigen Niveaus.

In der Prognose für den diesjährigen Ebitda sind einmalige Aufwendungen für eine Restrukturierung eingerechnet. Sie werden laut Unternehmen «im einstelligen Millionenbereich» liegen und zulasten der Rechnung im zweiten Halbjahr gehen. Im Wesentlichen sollen die Aktivitäten am Produktionsstandort in Darwen im Nordwesten Englands verkleinert werden. Zurzeit sind dort noch 330 Mitarbeiter beschäftigt. Geplant ist der Abbau von rund 75 Stellen.

Zur Bewältigung der gegenwärtigen Flaute im europäischen Display-Geschäft setzt Schweiter auch auf Kurzarbeit und verzichtet darauf, die Verträge temporär Beschäftigter zu verlängern. Das kommende Jahr soll laut dem Finanzchef dann mit einer deutlich verringerten Kostenbasis in Angriff genommen werden.

Chance für Akquisitionen

Bei allen gegenwärtigen Herausforderungen sieht Klöti auch Chancen. So verspricht sich das Unternehmen, das schon in der Vergangenheit wiederholt durch Akquisitionen an Grösse gewann (seit 1998 wurden insgesamt 21 Transaktionen vollzogen), Chancen durch Übernahmen. In wirtschaftlich härteren Zeiten würden erfahrungsgemäss bei schwächer gestellten Firmen Türen aufgehen, sagt Klöti.

Schweiter selbst ist solide finanziert. Per 30. Juni 2022 erfreute sich das Unternehmen nicht nur einer hohen Eigenkapitalquote von 67 Prozent, sondern wies auch eine Nettoliquidität von 72 Millionen Franken aus.

Aus heutiger Sicht dürfte sich die schwierige Wirtschaftslage noch mehrere Monate besonders in Europa schmerzhaft bemerkbar machen. Vor diesem Hintergrund werden dem Beispiel von Schweiter wohl weitere Firmen folgen.

Vergleichsweise ruhig reagierten Anleger am Montag auf die Gewinnwarnung des Konzerns. Der Aktienkurs von Schweiter kam mit einem Minus von 1,09 Prozent auf 726 Franken davon. Allerdings haben die Titel im bisherigen Jahresverlauf fast die Hälfte ihres Werts eingebüsst. Dass es um die Geschäfte der Firma deutlich schlechter steht als auch schon, scheinen Investoren seit geraumer Zeit geahnt zu haben.

Dominik Feldges, «Neue Zürcher Zeitung»

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