Der Jumbo an der Zürcher Josefstrasse geht zu. Walti Huber war mehr als zehn Jahre der «Daddy des Teams» – dabei wollte er gar nie Chef werden Nach 20 Jahren schliesst der Kult-Baumarkt bei der Hardbrücke. Das Personal wird man jenseits der Gleise wiedersehen.

Nach 20 Jahren schliesst der Kult-Baumarkt bei der Hardbrücke. Das Personal wird man jenseits der Gleise wiedersehen.

Sein Alter verrät er niemandem: Walti Huber ist der Chef der Jumbo-Filiale an der Josefstrasse. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Wenn Walti Huber nach der Arbeit eins trinken geht, kann es passieren, dass die Leute in der Bar zueinander sagen: «Schau, der Jumbo ist da.»

Logisch, dass die Zürcherinnen und Zürcher ihn so nennen – der Filialleiter Walti Huber verkörpert den Baumarkt, der gleich bei der Hardbrücke liegt. Huber ist seit einer kleinen Ewigkeit dort. Viele, die zum Beispiel einen Umzug planen, gehen dorthin. Zum selbstgebauten Kellerregal hat er die passenden Schrauben und zur Innendispersion den richtigen Farbroller.
 

Fugenkitt, Gummidichtungen, Leuchtstreifen, Gartenzwerge, Tomatengewächse, Zügelschachteln und, und, und. Walti Huber kennt alle Nöte der Hand- und Heimwerker der Stadt Zürich. Und alle möglichen Lösungen. Er hat alles und weiss alles. Er ist wirklich der Jumbo.

Abfallkübel, Wasserbehälter und allerlei sonstige Ware: Kunden kaufen an einem Mittwochmorgen bei Jumbo ein. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Aber bald wird er nicht mehr im Laden in der Josefstrasse im Kreis 5 anzutreffen sein. Denn der bekannteste Baumarkt der Stadt geht zu. Am Samstag, dem 16. März 2024, wird Huber zum letzten Mal dort bedienen. Danach wird man mit einer anderen Buslinie fahren müssen, wenn man zu ihm will.

«Fertig Kasperlitheater» oder: Wie Huber Chef wurde

Als Walti Huber 2007 hier anfing, gab es den Jumbo am Ende der Josefstrasse erst fünf Jahre, und es lief wohl nicht alles so, wie es hätte laufen sollen. Ein Filialleiter nach dem anderen ging. Das Geschäft galt als «Problemladen», weil dort einfach keine Ruhe einkehren wollte.

Und immer wenn sich auf dem Chefposten ein Wechsel abzeichnete, wurde Huber gefragt, ob nicht er den Job machen wolle. Doch der lehnte entschieden ab: «Nie im Leben wollte ich hier Verantwortung übernehmen», sagt er. Er habe lieber seinen Job als Verkaufsangestellter machen und sonst seine Ruhe haben wollen.

Aber am Ende habe er sich doch überreden lassen. Bei einem Mittagessen habe ihm der damalige Verkaufsleiter gesagt: «Fertig jetzt mit dem Kasperlitheater.» Und auf den Tisch geklopft. «Du machst das einfach», habe es geheissen. Und: Es werde dann schon gehen; irgendwie. Da habe er keine Wahl mehr gehabt und zugesagt.

Er machte Weiterbildungen und liess sich an einem anderen Standort in die Kunst der guten Betriebsleitung einführen. Aus dieser Anfangszeit erinnert sich Huber nur noch an «viel Papier und keine Ahnung». Doch bald gewöhnte er sich an die neue Position. Merkte, dass er etwas zu sagen hatte; etwas verändern konnte. Bekam Freude an seiner Rolle.

Er seid der «Daddy» des Teams, sagt Walti Huber von sich. Mit diesen Daddys hier lässt es sich munter putzen. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

«Ich wurde dann ziemlich schnell zum Daddy des Teams», sagt Huber und lacht. Er setzte auf gute Stimmung unter seinen 13 Mitarbeitern und auf eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der Kunden. Weil er selbst schon lange im Kreis 5 gewohnt hatte, wusste er, dass man als Städter in einer Mietwohnung kein Laminat braucht. Aber kleine Sachen zur Dekoration zum Beispiel, das schon. Also änderte er das Sortiment und stellte im Laden um.

Von da an ging es mit dem wirtschaftlich bergauf. Und langsam bekam der Baumarkt im Kreis 5 den Charme einer öffentlichen Stube. Der Jumbo an der Josefstrasse wurde zum Ort, wo Lebenswelten aufeinanderprallten. Er wurde zu dem, was er heute ist: dem vielleicht ungewöhnlichsten Baumarkt der Schweiz.

Das ist jetzt zirka 11 Jahre her. Etwa 5 Jahre lang habe er sich vorher gegen den Chefposten gewehrt, sagt Huber. Sein Alter, das verrät er logischerweise nicht. «Frag doch meine Mutter», sagt er zum Scherz. «Die weiss das vielleicht noch».

Brot und andere Bedürfnisse

Wie dem auch sei: Heute ist der Jumbo bei der Hardbrücke laut Huber einer der profitabelsten im ganzen Land. Jumbo gibt zwar keine Geschäftszahlen bekannt. Aber so viel lässt sich sagen: Walti Huber und seine Leute haben auf den bloss 970 Quadratmetern 36 000 verschiedene Artikel im Angebot. Das entspreche der Hälfte des gesamten Jumbo-Sortiments.

Anderen Filialen stehen in der Agglomeration oder in Industriezonen und haben zum Teil das Fünf- oder Sechsfache an Platz zur Verfügung. Aber sie verkauften trotzdem nicht alle so viel wie seine Leute und er, sagt Huber. Den Stolz sieht man ihm von weitem an.

Alles in allem lagern in den Hochregalen im Jumbo Hardbrücke rund 180 000 Artikel. Und das brauche es auch, sagt Huber. An Samstagen ist hier die Hölle los. Das kennt jeder, der schon einmal den Fehler gemacht hat, dann hierherzukommen. Es ist dann manchmal so, als wollte auf einmal die ganze Stadt neue Blumentöpfe auf den Balkon stellen, neue WC-Bürsten besorgen oder die Fahrradketten ölen. Und zwar sofort.

An Samstagen ist auf den schmalen Gängen fast kein Durchkommen mehr, und wenn dann noch einer mit seinen Holzlatten oder einem Sack Zement den Weg versperrt, kann die Stimmung auch einmal kippen. Walti Huber kennt diese Atmosphäre, aber sie hat ihm offenbar noch nie viel ausgemacht. Klar gebe es die Kunden und die, sagt er. Und manchmal – nun ja.

Zu jeder Schraube ein passender Schlüssel. Eisenwaren im Jumbo bei der Hardbrücke. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Aber das gehöre halt dazu, wenn man einen Baumarkt in der Grossstadt führe. Da liefen einem alle erdenklichen Typen von Leuten ins Haus. «Wir haben Kinobesucher, die in der Pause rasch eine Cola bei uns kaufen», sagt Huber. «Wir haben den Schreiner, der mal kurz einen neuen Gummihammer haben muss.» Es gibt aber auch Leute, die an einem Mittwochmorgen drei Wassertanks aus Plastik kaufen, ein Bügelbrett oder einen Satz neue Schraubzwingen. Die Bedürfnisse übersteigen die Vorstellungskraft.

Und gelegentlich sogar das Sortiment dieses Baumarktes. Man habe ihn auch schon gefragt, wo denn hier bitte das Brot sei. Und warum er diesen Abfallkübel da nicht auch in Braun habe oder wenigstens in Grau. Und ob er wirklich sicher sei, dass man mit dieser Schlagbohrmaschine genug grosse Löcher bohren könne, um eine Lampe aufzuhängen.

«Was willst du zu solchen Leuten sagen», sagt Huber. Und zuckt mit den Schultern. So sei das nun einmal.

Auf einmal ändert sich alles

Der Baumarkt ist ein Ort, an dem alles möglich ist. Wer etwas machen will, kommt erst einmal hierher, um zu schauen, in welche Richtung ein Projekt gehen könnte. Man wägt Varianten gegeneinander ab und entscheidet sich am Ende für etwas ganz anderes. Darum sind Baumärkte auch erstaunlich resistent gegen die Konkurrenz aus dem Internet.

Unterschiede zu früher gebe es zwar schon, sagt Huber. Zum Beispiel, dass manche Leute genauer wüssten, was sie wollen, weil sie im Internet recherchierten, bevor sie kämen. «Am Ende kommen trotzdem noch die meisten zu uns», sagt Huber. Der Beratung wegen. Aber auch, weil man gewisse Dinge einfach anfassen müsse, bevor man sie zu sich in die Stube stelle.

Heute recherchieren die Leute im Internet und wissen dann, was sie im Laden kaufen müssen. (Bild: Karin Hofer / NZZ)

Es hat sich also nicht allzu viel verändert in den etwa 15 Jahren, die Walti Huber hier, im Jumbo, verbracht hat. Aber jetzt – jetzt wird auf einen Schlag alles anders. Der Laden geht zu. Trotz seiner Rentabilität und trotz dem engagierten Team.

Man kennt ihn – auch ennet der Gleise

Zu den Gründen der Schliessung sagt Jumbo nichts. Zwar komme hier eine schöne Geschichte an ihr Ende, sagt Jumbo-Sprecher Daniel Hofmann. Das schon. Es habe während der letzten rund 20 Jahre ein Mietvertrag bestanden, der nun nicht verlängert werde. Aber es beginne ja auch eine neue

Jumbos frohe Botschaft lautet: Die 14 Frauen und Männer, die hier arbeiten, werden nach der Schliessung im Frühjahr 2024 weder pensioniert noch entlassen, sondern nur den Arbeitsort wechseln. Und sie werden es nicht einmal besonders weit haben.

Ihre neue Arbeitsstätte wird sich im Letzipark befinden. Es werde «eine Art Baumarkt-Pop-up für die urbane Bevölkerung» geben, erklärt Hofmann. Dies, weil der dortige Jumbo renoviert wird und dafür zumachen muss. Das Pop-up am gleichen Ort solle verhindern, dass die gesamte innerstädtische Kundschaft nach Oerlikon, Küsnacht oder gar nach Dietlikon ausweichen müsse.

Also eigentlich genau wie der Jumbo im Kreis 5? «Ja», sagt Hofmann und lacht. «Das Pop-up wird mit 1500 Quadratmetern sogar grösser als der Laden an der Josefstrasse.» Walti Huber und sein eingespieltes Team seien die perfekte Besatzung für so ein Vehikel.

Und Walti Huber?

Er sieht seiner neuen Stelle gelassen entgegen. Dann gehe er halt auf der anderen Seite der Gleise eins trinken. Kennen tut man ihn schliesslich auch dort.

Oliver Camenzind, «Neue Zürcher Zeitung»

Das könnte Sie auch interessieren: