Norqain: Weshalb man von der Newcomer- Uhrenmarke noch einiges hören dürfte Von den vielen neu gegründeten Uhrenmarken haben nur wenige das Potenzial, mehr als ein Nischenanbieter zu werden. Norqain ist eine davon. Das hat auch Jean-Claude Biver, der Doyen der Schweizer Uhrenindustrie, gemerkt.

Von den vielen neu gegründeten Uhrenmarken haben nur wenige das Potenzial, mehr als ein Nischenanbieter zu werden. Norqain ist eine davon. Das hat auch Jean-Claude Biver, der Doyen der Schweizer Uhrenindustrie, gemerkt.

 

Der Norqain-Gründer Ben Küffer und der «Götti» Jean-Claude Biver bei der Lancierung der jüngsten Kollektion. Bild: PD

Norqain? Selbst unter Uhrenfans dürfte der Name noch nicht überall bekannt sein. Das ist insofern kein Wunder, als die Uhrenmarke, die der 34-jährige Ben Küffer zusammen mit zwei Freunden lanciert hat, erst gut vier Jahre alt ist. In der Welt der Schweizer Uhrenindustrie ist das kein Alter. Patek Philippe etwa wurde 1837 gegründet, Rolex 1905. Blancpain (1735) kann sogar bald den 300.  Geburtstag feiern.

Umkämpftes Preissegment

Im Gegensatz zu den meisten anderen Neugründungen könnte Norqain jedoch durchaus dereinst zu einem «household name» bei Uhrenkäufern werden. Die Ambition, zu den Grösseren der Branche aufzuschliessen, ist jedenfalls da – und das allein schon ist alles andere als typisch.

Denn oft handelt es sich bei den jungen Uhrenmarken um sogenannte Microbrands, die ausschliesslich im Internet und auf Social Media aktiv sind und sich in der Rolle des Nischenplayers wohlfühlen. Hinter ihnen steckt im Extremfall eine einzige Person, die das Produkt entwirft und über digitale Kanäle finanziert, vermarktet und verkauft. Für die Herstellung wird ein internationales Netz von Zulieferern genutzt.

Oder es sind Marken von begabten Uhrmachern, die sich mit edlen und teilweise auch etwas «verrückten» Zeitmesser verwirklichen. Ihre Produkte können sich eh nur betuchte Sammler leisten. Norqain hingegen spricht mit seinen Automatikuhren, die 1500 bis 5000 Franken kosten, eine vergleichsweise grosse Zielgruppe an. Zudem setzt das Unternehmen stark auf die reale Welt, sprich auf den traditionellen Fachhandel.

Fachhandel statt Direktverkauf

Sich zu etablieren ist allerdings eine Herausforderung. Im Segment des «erschwinglichen Luxus» gibt es viel Konkurrenz, darunter so starke Player wie Longines, Breitling, TAG Heuer oder Tudor. Selbst bei Rolex kostet die günstigste Uhr im aktuellen Katalog nicht mehr als 5000 Franken. «Wir wussten, dass niemand auf uns gewartet hatte», erinnert sich Küffer im Gespräch. «Und man gab uns dies auch zu spüren, als wir 2019 an der Baselworld unsere erste Kollektion vorstellten.»

«Wild One» von Norqain. Bild: PD

Den Fachhandel als Partner zu bekommen, ist für einen Newcomer generell nicht einfach. Zwar gibt es zunehmend Juweliere, die froh sind um neue Marken, seit die grösseren Hersteller vermehrt auf Direktverkauf setzen. Bei wichtigen Juwelierketten ins Sortiment zu kommen, ist allerdings nach wie vor keine Selbstverständlichkeit.

Norqain hat es geschafft. Die grossen Namen wie Bucherer, Wempe, Govberg oder Seddiqi sind allesamt Partner. Insgesamt kommt die Marke mittlerweile auf 165 Verkaufspunkte in über 30 Ländern, inklusive zweier eigener Boutiquen in Zermatt und Singapur. Die Jahresproduktion ist wie bei den meisten Uhrenfirmen Geschäftsgeheimnis, aber rund 15 000 Stück dürften es wohl sein.

Charisma und Connections

Der bisherige Erfolg hat viel mit den Gründern zu tun. Der 35-jährige Ben Küffer, der die Marke initiiert hat und als CEO führt, ist nicht nur ein charismatischer Macher. Er ist auch bestens vernetzt in der Uhrenindustrie. Seinem Vater Marc Küffer gehörte einst die Private-Label-Firma Roventa Henex, die für diverse Luxusuhrenhersteller Uhren fertigt und dies nun teilweise auch für Norqain tut. Ben selber war während fast zwölf Jahren für Breitling in Asien tätig, bevor er sich Anfang 2018 – nachdem Breitling verkauft worden war – für die Selbständigkeit entschied.

Der zweite im Bunde, Küffers langjähriger Freund Mark Streit, hat den Vorteil, dass er als Ex-Eishockeyprofi und erster Schweizer NHL-Spieler in der Sportwelt viele gute Kontakte hat. «Seit Beginn sind wir über Mark eng verlinkt mit der National Hockey League, was uns viel Aufmerksamkeit bringt», sagt Küffer.

Ted Schneider wiederum, der dritte Mitgründer, wurde wie Küffer in die Schweizer Uhrenindustrie hineingeboren. Der Vertriebsspezialist ist der Sohn von Théodore «Teddy» Schneider, dem früheren Besitzer von Breitling. Beide Familien stehen auch finanziell hinter Norqain, Marc Küffer ist zudem Verwaltungsratspräsident. Das sorgt für Glaubwürdigkeit und öffnet Türen, nicht zuletzt auch bei den Juwelieren.

Das Gründertrio von Norqain: Mark Streit, Ben Küffer und Ted Schneider (v. l.). Bild: PD

Unausgeschöpftes Potenzial

Die Produkte selber waren bisher nicht unbedingt aussergewöhnlich. Das jedenfalls fand Jean-Claude Biver, als er 2020 – zu Beginn der Corona-Krise – erstmals bei Norqain vorbeischaute: aus Neugier und weil er sich vorgenommen hatte, nach seiner Pensionierung «etwas zurückzugeben», etwa an Jungunternehmen.

Der 73-jährige Doyen der Uhrenindustrie war von Küffer und seinem Team wie auch von dem auf Partnerschaften angelegten Geschäftsmodell begeistert. Bei den Uhren ortete er jedoch noch Luft nach oben. Eine Norqain-Uhr war damals, als Biver die Marke kennenlernte, eine qualitativ durchaus hochwertige Swiss-made-Automatikuhr, aber ohne echte Alleinstellungsmerkmale: das Gehäuse aus Stahl, das Uhrwerk von ETA oder Sellita wie unzählige andere auch. Von der Konkurrenz unterschied man sich vor allem über das Design und das Markenimage.

Immerhin war bereits aufgegleist, dass Norqain ab dem Sommer 2020 auch Uhrwerke von Kenissi bekommen würde. Die von Rolex für die Schwestermarke Tudor gegründete Werkeherstellerin hat nur wenige externe Kunden, was den damit ausgestatteten Uhren eine gewisse Exklusivität gibt. Allerdings werden sie auch teurer, denn Kenissi-Werke kosten ein Mehrfaches derjenigen von ETA oder Sellita.

Bivers Plädoyer für Innovation

Exklusivere Werke einzubauen, war für Biver jedoch nicht genug. Er empfahl Küffer, auf eigene Innovation zu setzen. Angesichts der Ausrichtung der Marke auf die Themen Sport und Outdoor schlug Biver vor, die «ultimative Sportuhr» zu entwickeln, und zwar «nicht in ein paar Jahren, sondern sofort».

Küffer nahm den Faden auf, sammelte bei seiner Familie und den anderen bisherigen Investoren frisches Geld ein und begann zusammen mit dem Materialspezialisten Biwi, von dem man schon bisher die Uhrenbänder bezog, ein neues Gehäuse zu konzipieren. Dieses sollte möglichst leicht sein und gleichzeitig das Uhrwerk so gut schützen, dass auch Erschütterungen wie etwa bei einer Mountainbike-Downhill-Fahrt keinen Schaden anrichten. Biver blieb als Berater an Bord und begleitete das Projekt.

Gehäuse mit Stossdämpfer

Zwei Jahre dauerte die Entwicklung, Mitte September wurde das Resultat mit der Lancierung einer neuen Uhrenkollektion vorgestellt. Präsentiert wurde nicht nur ein neues, extrem leichtes Gehäusematerial aus Carbonfasern, sondern auch ein neuer Gehäuseaufbau: eine Art Sandwichkonstruktion mit einem Mittelteil aus Kautschuk, das als Stossdämpfer fungiert.

Das Gehäuse der neuen Norqain-Uhren besteht aus 25 Teilen, darunter zwei Komponenten aus Carbonfaserverbundstoff, zwischen die ein Kautschuk-Stossdämpfer eingeklemmt wird. Bild: PD

Auch wenn Norqain nicht die erste Uhrenmarke ist, die Carbon bei ihren Gehäusen einsetzt: In dieser Preiskategorie von mechanischen Uhren ist der Einsatz des extrem schwierig zu verarbeitenden High-Tech-Materials ein Novum. Ebenfalls neu ist, dass der auf Kohlenstoff basierenden Kunststoff bei Norqain nicht nur schwarz daherkommt, sondern auch farbig.

Für Biver ist klar, dass Norqain auch künftig auf Innovation setzen muss, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Auch für Küffer gibt die neue Kollektion die Richtung für die Zukunft vor. Wie viel zusätzliches Geld das Unternehmen in weitere Entwicklungen stecken kann, ohne ihr angestammtes Preissegment verlassen zu müssen, ist eine andere Frage. Denn eines ist klar: Bei den Uhren dieser neusten Kollektion, die auch allesamt die teuren Kenissi-Werke enthalten, kann die Marge für Norqain nicht mehr üppig sein.

Andrea Martel, «Neue Zürcher Zeitung»

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